Kolostrum enthält vor allem Eiweiß, darunter Immunglobuline, also Antikörper, dazu Lactoferrin, Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und TGF-beta, Enzyme wie Lysozym sowie Zucker und Fett. Studien haben untersucht, ob diese Bestandteile beim Menschen etwa bei Sportlern, bei Magen-Darm-Problemen oder bei Atemwegsinfekten eine Rolle spielen. Die EFSA konnte für keine der beantragten Wirkungen einen Zusammenhang bestätigen, deshalb gibt es in der EU keine zugelassene Aussage zu Kolostrum.
In diesem Artikel stelle ich die wichtigsten Inhaltsstoffe vor, erkläre, welche Fragen die Forschung dazu stellt, und zeige, warum Laborwerte und kleine Studien noch keine Wirkung beweisen. Am Ende findest du Hinweise, wann ein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt wichtiger ist als jedes Nahrungsergänzungsmittel.
Kurz gesagt
- Rinderkolostrum enthält laut einer Übersichtsarbeit von 2021 zwischen 30 und 87 g Immunglobulin G pro Liter und am ersten Tag rund 15 Prozent Eiweiß, reife Milch etwa 3 Prozent.
- Der Wachstumsfaktor TGF-beta liegt im Kolostrum bei 20 bis 40 mg pro Liter, in reifer Milch bei 1 bis 2 mg.
- Die Konzentrationen fallen in den ersten zwei bis drei Tagen nach dem Kalben stark ab.
- Die EFSA prüfte 2011 Aussagen zu Immunsystem, Sport und Verdauung und konnte keinen Zusammenhang feststellen, vor allem weil die Produkte nicht ausreichend beschrieben waren.
- Viele Studien zu Kolostrum sind klein, nutzen unterschiedliche Präparate und wurden teils von Herstellern finanziert.
Was macht Kolostrum so besonders?
Kolostrum ist die erste Milch nach der Geburt. Kälber kommen fast ohne eigene Antikörper zur Welt, und das Kolostrum liefert ihnen in den ersten Lebensstunden einen Teil der mütterlichen Abwehr. Entsprechend anders ist die Zusammensetzung im Vergleich zur reifen Milch. Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Alternative Medicine Review beschreibt, dass Rinderkolostrum deutlich mehr Immunglobuline, Wachstumsfaktoren, Zytokine und Nukleoside enthält als reife Milch.
Wie Kolostrum gewonnen wird und in welchen Formen es verkauft wird, steht im Artikel Kolostrum: Was ist das und wofür wird es genommen? Hier geht es um die einzelnen Bestandteile und um die Frage, was Forschende über sie herausgefunden haben.
Welche Inhaltsstoffe stecken in Kolostrum?
Die folgende Übersicht stellt die Bestandteile vor, über die in Studien am häufigsten gesprochen wird. Die Zahlen stammen aus der Übersichtsarbeit von Playford und Weiser aus dem Jahr 2021.
| Bestandteil | Was es ist | Menge im Rinderkolostrum | Zugelassene EU-Aussage |
|---|---|---|---|
| Immunglobulin G (IgG) | Antikörper, die das Kalb von der Mutter erhält | 30 bis 87 g pro Liter | nein |
| Lactoferrin | Eiweiß, das Eisen bindet | deutlich weniger als in menschlichem Kolostrum | nein |
| TGF-beta | Wachstumsfaktor, ein Signalstoff für Zellen | 20 bis 40 mg pro Liter | nein |
| IGF-1 | insulinähnlicher Wachstumsfaktor | viel höher als in reifer Milch | nein |
| Eiweiß gesamt | Molkenproteine, Kasein und weitere Milchproteine | rund 15 Prozent am ersten Tag | nur bei ausreichender Menge, die Kolostrum-Tagesportionen nicht erreichen |
| Milchzucker | natürlicher Zucker der Milch | rund 2,5 Prozent | nein |
Immunglobuline
Immunglobuline sind Antikörper, also Eiweiße, die bestimmte Erreger erkennen. Im Rinderkolostrum überwiegt Immunglobulin G, daneben gibt es IgA und IgM. Beim Kalb gelangen diese Antikörper in den ersten Lebensstunden durch die Darmwand ins Blut. Beim Erwachsenen funktioniert das nicht auf diese Weise. Eiweiße werden im Magen und Darm größtenteils verdaut, und Forschende untersuchen deshalb vor allem, ob Immunglobuline im Darm selbst etwas bewirken können.
Lactoferrin und Lysozym
Lactoferrin ist ein Eiweiß, das Eisen bindet. Lysozym ist ein Enzym, das in vielen Körperflüssigkeiten vorkommt, auch in Tränen und Speichel. Beide werden im Labor wegen ihrer Wirkung auf Bakterien untersucht. Rinderkolostrum enthält laut Playford und Weiser nur etwa ein Zehntel des Lactoferrins, das in menschlichem Kolostrum steckt.
Wachstumsfaktoren
Wachstumsfaktoren sind Signalstoffe, die Zellen zum Wachsen oder zur Reparatur anregen. Beim Kalb unterstützen sie die Entwicklung des Darms. Im Labor zeigte Kolostrum vom ersten Tag deutlich mehr Wirkung auf das Wachstum von Darmzellen als Kolostrum vom dritten Tag. Wegen IGF-1 wurde gefragt, ob Kolostrum den IGF-Spiegel im Blut erhöht. Eine Studie mit 40 g Kolostrum pro Tag über mehrere Monate fand keinen deutlichen Anstieg.
Was haben Studien am Menschen untersucht?
Die Forschung zu Kolostrum beim Menschen dreht sich um einige wiederkehrende Fragen. Dazu gehören die Körperzusammensetzung und die Leistung von Sportlern, Magen-Darm-Probleme durch bestimmte Schmerzmittel, Durchfall bei Menschen mit geschwächter Abwehr und Atemwegsinfekte. Einen Sonderfall bildet sogenanntes Hyperimmunkolostrum. Dabei werden Kühe gezielt gegen bestimmte Erreger geimpft, damit ihr Kolostrum passende Antikörper enthält. Solche Präparate sind etwas anderes als das Kolostrum in üblichen Nahrungsergänzungsmitteln.
Einige Studien berichten über positive Ergebnisse, etwa weniger Atemwegsinfekte bei Sportlern. Die Aussagekraft ist aber begrenzt. Viele Studien sind klein, verwenden ganz unterschiedliche Präparate und lassen sich kaum vergleichen. Playford und Weiser nennen selbst Lücken, zum Beispiel bei Knochendichte und Darmflora. Wichtig ist auch, dass beide Autoren bei einem Kolostrum-Hersteller angestellt sind, der die Arbeit finanziert hat. Das macht ihre Zusammenfassung nicht falsch, ist aber beim Lesen zu berücksichtigen.
Warum hat die EFSA alle Aussagen zu Kolostrum abgelehnt?
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2011 in einem Gutachten sieben Gruppen von Aussagen zu Rinderkolostrum geprüft. Es ging unter anderem um das Immunsystem, um die Abwehr bei intensivem Sport, um Leistung und Muskelmasse, um die Erholung und um die Verdauung. Für keine dieser Wirkungen sah das Gremium einen Zusammenhang als belegt an.
Der Hauptgrund war, dass das Kolostrum in den Anträgen nicht ausreichend beschrieben war. Die Studien nutzten sehr verschiedene Produkte, von konzentriertem Eiweiß über Vollpulver bis zu Kolostrum mit angereicherten Immunglobulinen, und die Mengen der vermutlich wirksamen Bestandteile wurden nicht angegeben. Ohne klare Beschreibung lässt sich nicht sagen, welches Produkt welche Wirkung haben soll. Für Hersteller bedeutet das: Sie dürfen Kolostrum beschreiben, aber nicht mit einer Wirkung bewerben.
Was bedeuten die Studien für dich?
Die Inhaltsstoffe von Kolostrum sind gut beschrieben, und Forschende interessieren sich zu Recht für sie. Was das für ein Nahrungsergänzungsmittel aus dem Handel heißt, ist aber offen. Die Menge an Immunglobulinen hängt stark davon ab, wann gemolken und wie verarbeitet wurde, und ein Großteil der Eiweiße wird verdaut. Ein Laborergebnis oder eine kleine Studie mit einem speziellen Präparat lässt sich nicht auf jede Kapsel übertragen.
Wer Kolostrum trotzdem nehmen möchte, sollte auf ein aussagekräftiges Etikett achten. Welche Angaben dort stehen sollten, zeigt der Artikel Colostrum kaufen: So liest du Etikett und Herkunft richtig. Wie sich Kolostrum von Kuh und Ziege unterscheidet, liest du im Beitrag Ziegen-Kolostrum oder Rinder-Kolostrum.
Wann solltest du ärztlichen Rat einholen?
Kolostrum ist kein Mittel gegen Infekte, Darmerkrankungen oder Leistungsschwäche. Wenn du häufig krank bist, länger als zwei Wochen Durchfall hast, Blut im Stuhl bemerkst, ungewollt abnimmst oder dich dauerhaft erschöpft fühlst, lass die Ursache ärztlich abklären. Sprich außerdem vor der Einnahme mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder in der Apotheke, wenn du eine Milcheiweißallergie hast, schwanger bist oder stillst oder Medikamente nimmst, die das Immunsystem beeinflussen.
Häufig gestellte Fragen
Werden Immunglobuline aus Kolostrum vom Körper aufgenommen?
Beim neugeborenen Kalb ja, beim Erwachsenen kaum. Eiweiße werden im Verdauungstrakt größtenteils abgebaut, deshalb untersuchen Studien vor allem mögliche Effekte im Darm.
Ist Lactoferrin aus Kolostrum dasselbe wie in Muttermilch?
Es handelt sich um ähnliche Eiweiße, aber Rinderkolostrum enthält laut Playford und Weiser nur etwa ein Zehntel der Menge in menschlichem Kolostrum.
Erhöht Kolostrum den IGF-1-Spiegel im Blut?
Eine Studie mit 40 g pro Tag über mehrere Monate fand keinen deutlichen Anstieg. Übliche Tagesportionen in Nahrungsergänzungsmitteln sind deutlich kleiner.
Warum sind die Studienergebnisse so unterschiedlich?
Weil die verwendeten Produkte sehr verschieden sind. Melkzeitpunkt, Verarbeitung und Dosis unterscheiden sich, und genau das hat auch die EFSA bemängelt.
Gibt es eine zugelassene Aussage zum Eiweiß im Kolostrum?
Für Eiweiß gibt es zugelassene Aussagen, sie setzen aber eine ausreichende Menge voraus. Eine Tagesportion Kolostrum liefert meist weniger als ein Gramm Eiweiß, deshalb sind diese Aussagen dafür nicht sinnvoll.
Quellen
- Playford R. J., Weiser M. J.: Bovine Colostrum: Its Constituents and Uses, Nutrients 2021;13(1):265
- Bovine colostrums: a review of clinical uses, Alternative Medicine Review 2003;8(4):378-394
- EFSA: Scientific Opinion on health claims related to bovine colostrum, EFSA Journal 2011;9(4):2048
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise.
